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Warum hat das Geschlecht in den USA einen Einfluss auf die Wahlentscheidungen?

(Anmerkung: Durch den Essay hindurch werde ich das Wort „Gender Gap“ verwenden. Ich persönlich finde keine passende deutsche Alternative und benutze deswegen einfachheitshalber diesen Anglizismus.)

Der Gender Gap – der Unterschied zwischen den Anteilen von Frauen und Männern, die einen bestimmten Kandidaten/eine bestimmte Partei unterstützen- ist ein Phänomen, dass in den USA (ein Land, in dem 2 Parteien vorherrschen: die Demokraten bzw. die Republikaner) seit ca. 40 Jahren besteht. Es beschreibt die Tendenz, dass Frauen und Männern mehrheitlich die eine oder die andere Partei wählen. Der Gap (zu Deutsch: die Kluft) wurde in den letzten beiden Jahrzehnten deutlicher, das bedeutet, dass Frauen statistisch gesehen heutzutage mehrheitlich Demokraten wählen und Männer Republikaner. Dies geschieht aus unterschiedlichsten Gründen, manche haben etwas mit dem aktuellen Präsidenten Donald Trump zu tun, andere sind allgemeiner.

Die signifikante Aufspaltung der beiden Geschlechter in die beiden Parteien zeigte sich erstmals 1980, sie bewegt sich seitdem in einer Spanne von vier bis elf Punkten und beträgt durchschnittlich acht. Hierbei ist spannenderweise zu erwähnen, dass Frauen bis 1988 noch überwiegend Republikaner wählten, um dann in der darauffolgenden Wahl 1992 sich weder übermäßig für die Demokraten noch für die Republikaner zu entscheiden. Nebenbei sei gesagt, dass man 1992 auch keine übermäßigen Stimmvergaben für eine der beiden Partei bei den Männern feststellen konnte – das Wahlverhalten war nahezu ausgeglichen.
Ein möglicher Grund für den erstmaligen Gender Gap könnte sein, dass 1980 erstmals mehr Frauen als Männer zu Wahl gingen. Als das Wahlrecht für Frauen in den USA vor 100 Jahren eingeführt wurde, hatten Medien Sorge, dass Frauen das komplette politische System durch ihr Stimmrecht massiv verändern würden. Eine Veränderung durch Frauen kann man aber ja, wie gesagt, erst seit weniger als der Hälfte dieser Zeit feststellen, dies lag vermutlich an der anfänglich geringen Wahlbeteiligung durch Frauen.

In der jüngsten Präsidentschaftswahl des Jahres 2020 entstand wieder einmal ein Gender Gap, der bei den Demokraten bei acht Prozent lag (es wählten mehr Frauen als Männer die Demokraten) und bei den Republikanern bei sechs Prozent (hier geschah das Gegenteil).
Für die Statistik werden in den Wahlen Frauen in mehrere Gruppe unterteilt: Zum einen werden sie in der Datenerfassung nach Hautfarbe „sortiert“ und zum anderen nach Wohnort, zusätzlich spielt auch noch der Bildungsgrad für die Beobachter eine wichtige Rolle. Schwarzen Frauen sind die wahlambitionierteste Gruppe (bedeutet, es gibt ein hohes politisches Interesse unter ihnen) - sie wählen fast einheitlich die Demokraten, Latinas wählen zu einem Großteil demokratisch, im Gegensatz zu männlichen Hispanics, die zwar mehrheitlich demokratisch eingestellt sind, aber auch zu großen Anteilen Republikaner wählen, weiße Frauen sind prozentual knapp auf der republikanischen Seite, diese wählten sie statistisch gesehen für die letzten 25 Jahre, doch in der Wahl von 2016 stiegen sie auf die Demokraten um, vermutlich da diese Hillary Clinton - eine Frau - als Kandidatin hatten. Die drei Typen von Wohnort sind: Stadt (eine Gruppe von Frauen, die eher demokratisch orientiert sind), Dorf/Land (zumeist republikanisch) und Vorstadt (zumeist am härtesten „umkämpft“, da sie sich in der politischen Orientierung von Wahl zu Wahl ändern). Beim Bildungsgrad wird völlig grob in Frauen mit College-Abschluss und Frauen ohne College-Abschluss unterteilt, hier sind diejenigen mit mehrheitlich auf Seiten der Demokraten, die ohne sind ebenfalls nicht entschieden und werden von den beiden Parteien immer wieder umworben. Vor allem die Vorstadt-Frauen und die ohne College-Abschluss, also die Arbeiter*rinnen, waren in der letzten Wahl (2020) unter anderem für den Sieg Bidens verantwortlich.
Die Zwischenwahlen 2018 waren ein Durchbruch für die politische Vertretung von Frauen in den USA, denn in dieser Wahl wurde ein neuer Rekord von Frauen im Kongress aufgestellt, damals erhöhten die Demokraten die Zahl ihrer weiblichen Mitglieder geringfügig auf 42 Prozent, aber die Republikaner verdoppelten sogar die Zahl ihrer weiblichen Mitglieder auf 12 Prozent. Wichtig ist noch zu sagen, dass die Mitglieder des Kongresses nicht durch die Parteien bestimmt werden, sondern gewählt werden.

Eine Theorie für die Entstehung des Gender Gaps ist die aufkommende Frauenbewegung in den 1990ern in den USA, die viele Frauen ihre Wahlentscheidung überdenken bzw. erstmals wahrnehmen ließ. Denn wie schon gesagt, gingen viele Frauen vorher gar nicht erst zu Wahl oder übernahmen die politischen Konzepte ihrer Männer und wählten somit einfach das Gleiche wie diese. Ein anderer Grund für Frauen politisch selbstbewusster zu handeln, war vielleicht das Gleichberechtigung-Amendment, das jegliche Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verbot.
Laut einer Umfrage sind Frauen die Themen Rassismus, LGBTQ-Rechte und Klimawandel wichtiger als Männern in der Wahl ihrer Partei. Dafür nimmt die Wirtschaft einen höheren Stellenwert für Männer ein. Wenn man versucht, diese Themen-Schwerpunkte den beiden Parteien zuzuordnen, dann sieht man schnell, dass der Themen-Pool, der Frauen anspricht, eher demokratisch ist und der, der Männer anspricht, eher republikanisch ist.
Bei dieser letzten Wahl (2020) stand für viele Frauen auch sicher Trumps Händeln der Corona-Krise im Vordergrund. Denn die Quote der Arbeitslosigkeit unter Frauen stieg durch die Covid-19-Krise nach mehr als 50 Jahren wieder auf eine zweistellige Zahl. Frauen traf es härter als Männer, dies lag vermutlich daran, dass viele Industriezweige, die durch Frauen dominiert waren, stark zurückgefahren wurden bzw. mit weitaus weniger Angestellten besetzt wurden (z.B. Pflegeberufe); außerdem sind Mütter überdurchschnittlich durch Homeschooling belastet. Biden sagte, dass er die Lage anders behandeln und mit der Situation besser umgehen würde, daraus folgend konnte er hier wahrscheinlich viele Stimmen von durch die Krise belasteten Frauen bekommen.
Einer der offensichtlichen Gründe für die Entscheidung von zahlreichen Frauen war auch sicher das Geschlecht der Vize-Präsidentin Bidens Kamala Harris, durch sie konnten sich die Wahlberechtigten eine Chance darauf erhoffen, dass eine Präsidentin durch einen Umweg an die Macht kommen könnte (genau aus dem gleichen Grund bloß ohne den Umweg bekam sicher auch Hillary Clinton eine Rekordanzahl an Stimmen von Frauen).
Einer der Gründe, der wahrscheinlich faktisch am nachvollziehbarsten für viele Frauen war/ist, die Demokraten zu wählen, ist deren Sicht auf Abtreibung, nämlich dass sie ohne oder mit wenig Restriktionen erlaubt sein sollte, im Kontrast zu den Republikanern, bei denen manche Politiker Abtreibungen völlig verbieten möchten. Ich gehe davon aus, dass viele Frauen Donald Trump auch ablehnen, da er oft zu sexistischen Aussagen neigt.

Ich dachte zu Anfang meiner Recherche, dass ich vielleicht gar keinen logisch begründeten Grund für den Gender Gap finden würde. Aber wie sich zeigt, gibt es sogar gleich mehrere Gründe, die mich nachvollziehen lassen, warum der Großteil der Frauen die Demokraten statt den Republikanern wählt. Selbstkritisch muss ich aber auch sagen, dass ich kaum auf die andere Seite eingegangen bin und das männliche Geschlecht beleuchtet habe.

P.S. Dieser Aufsatz wurde im Januar 2020 verfasst.

Quellen


https://www.statista.com/statistics/1184424/presidential-election-exit-polls-share-votes-gender-us/ [Q1]

https://www.ft.com/content/419376c4-b6be-41dc-93eb-303f2f4a9903 [Q2]

https://www.nbcnews.com/politics/2020-election/2020-election-could-deliver-biggest-gender-gap-american-history-what-n1245638 [Q3]

https://www.aljazeera.com/news/2020/11/1/us-vote-2020-why-women-decide-elections[Q4]

https://apnews.com/article/election-2020-joe-biden-donald-trump-voting-rights-elections-84ef3db79532c0029894ff25a316370b [Q5]

https://www.pewresearch.org/fact-tank/2016/07/28/a-closer-look-at-the-gender-gap-in-presidential-voting/ [Q6]



Zusätzliche Links


https://thinkprogress.org/paycheck-fairness-act-gender-wage-gap-bill-republican-party-vote-1875b79a9d16/

https://fivethirtyeight.com/features/the-gender-gap-among-midterm-voters-looks-huge-maybe-even-record-breaking/

https://bangordailynews.com/2020/04/18/national-politics/trump-approval-rating-has-sharpest-drop-in-presidency-big-gender-gap-in-gallup-poll/

https://thehill.com/hilltv/what-americas-thinking/447308-trumps-giant-gender-gap-62-percent-of-women-say-they-are

https://www.vox.com/2019/4/26/18515920/gender-pay-gap-rule-eeoc